Entwicklung als Kollektivleistung: Wie agile Projektmanagement Methoden die Automobilindustrie revolutionierten

Die Automobilindustrie hat in den vergangenen Jahren einen dramatischen Wandel erfahren. Der Markt hat sich in dieser krisenhaften Zeit radikal verändert. Klassisches Projektmanagement hat ausgedient. Stattdessen stehen agile Projektmanagement Methoden hoch im Kurs. Deren Umsetzung verlief vielerorts ausgesprochen erfolgreich und revolutionierte die Industrie. Mancherorts gab und gibt es allerdings massive Probleme – Ursache ist fast immer mangelndes Verständnis für die agilen Methoden.

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Rückblick: Agile Projektmanagement Methoden: vom hässlichen Entlein zum Heilsbringer

Agile Projektmanagement Methoden stehen etwa seit 2010 auf der Agenda der Automobilindustrie. Dies ist reichlich spät, bedenkt man, dass „Scrum“ als die vielleicht wichtigste Methode bereits 1995 vorgestellt wurde. Der IT-Bereich vertraut seit der Jahrtausendwende auf agile Projektmanagement Methoden, der Automobilsektor war jedoch lange skeptisch. Noch 2014 kam die Studie „Agile in Automative. State of Practice“ zu dem Ergebnis, dass diese Methoden schlicht nicht für die Branche geeignet sind. Einige für die Untersuchung befragten Konzerne gaben an, die entsprechenden Verfahren fast vier Jahre getestet zu haben. Abgesehen von der Software-Entwicklung (und damit dem IT-Bereich) seien die Methoden für die Industrie ungeeignet. Diese bevorzuge starre und weit in die Zukunft reichende Planungen.

Springen wir drei Jahre weiter: Auf der IAA 2017 erhielt der Engineering-Spezialist EDAG viel Beifall, indem er die Entwicklung eines Fahrzeugs mit der Scrum-Methode live vorführte und über Social-Media-Kanäle sogar das Publikum einband. Der Zulieferer Continental war zeitgleich voll des Lobes über agile Projektmanagement Methoden: Diese leisteten einen wertvollen Beitrag für die Zukunft von heute und morgen, ließ er in der Zeitschrift ATZelektronik wissen. Springer Professional, der Wissenschaftsverlag des Axel-Springer-Konzerns, berichtete zudem am 23. November 2017, Scrum (und auch Kanban) würden inzwischen „in den Chefetagen der Automobilhersteller und Zulieferer hoch gehandelt.“ Agile Projektmanagement Methoden würden „als äußert erfolgreich“ gelten. Diese haben also innerhalb von nur drei Jahren eine beeindruckende Karriere gemacht: Vom hässlichen Entlein wurden sie zum Heilsbringer der Industrie.

Scrum und Kanban: Agile Projektmanagement Methoden als Antwort auf die Krisen

Die Frage liegt nahe, was sich zwischen 2014 und 2017 geändert hat. Die Antwort schmerzt insbesondere die deutsche Automobilindustrie noch immer: Am 18. September 2015 flog der Betrug bei Dieselfahrzeugen von VW auf. Es war der Startpunkt einer ganzen Reihe von zusammenhängen Krisen der Automobilindustrie, die den Markt radikal veränderten. Das Kaufverhalten der Kunden änderte sich, die Hersteller mussten Technologie-Plattformen umbauen und ihre Unternehmensstrukturen ändern. Bekanntlich sind die Krisen bis zum heutigen Tag nicht beendet.

Die starren Projektmanagement Methoden, die von der Branche bislang bevorzugt wurden, konnten mit diesem Problem nicht umgehen. Sie waren nicht in der Lage, Antworten auf die neuen Herausforderungen zu geben, die in Windeseile auf die Branche einprasselten. Als Beispiel: 2015 waren in Deutschland 107.000 Hybridfahrzeuge zugelassen. 2018 waren es schon 236.000. Innerhalb von drei Jahren hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Ein solches Wachstum hatte es seit der Ersteinführung solcher Fahrzeuge im Jahr 2005 noch nicht gegeben. Viele Fahrer reagierten auf die Krise, indem sie auf ein solches Auto umstiegen. Insbesondere deutsche Hersteller waren darauf anfangs nicht vorbereitet. VWs e-Golf kam beispielsweise in für Hybridkunden attraktiver überarbeiteter Form 2017 auf den Markt. Das erste Modell mit einer nur sehr geringen Reichweite stammte aus dem Jahr 2014.

Mit 2017 sind wir wieder in jenem Jahr angelangt, in dem agile Projektmanagement Methoden auf einmal als Allheilmittel der Industrie galten. Inzwischen hatten viele Betriebe notgedrungen Scrum und Kanban eingeführt, um auf die sich dramatisch verändernden Anforderungen zu reagieren. Beide Methoden erwiesen sich schnell als ausgesprochen leistungsstark im Alltag.

Scrum

Scrum stellt das Team in den Mittelpunkt des Entwicklungsprozesses. Der ScrumMaster (als Teamleiter) hat idealerweise nur die Aufgabe, Hindernisse zu beseitigen. Der Product Owner als übergeordnete Instanz stellt die fachlichen Anforderungen und setzt Prioritäten – beispielsweise, dass ein zu entwickelndes Fahrzeug besonders umweltfreundlich sein soll. Für die Revolution in der Autoindustrie entscheidend war aber eine weitere Rolle: die der Stakeholder. Der Begriff ist weiter gefasst als bei vielen anderen Methoden. Kunden bzw. potenzielle Käufer werden ausdrücklich auch als Stakeholder aufgefasst. Entwicklungen geschehen deshalb mit deutlich größerem Blick auf das aktuelle Marktgeschehen.

Das Team kommt regelmäßig zusammen, um Inputs von außen einzuarbeiten. Dabei werden aber laufende Arbeitspakete (Sprints) nicht modifiziert. Stattdessen werden die sich möglicherweise anschließenden neuen Tasks eingearbeitet. Das System hat sich offener, flexibler (agiler), schneller und kostensparender als das bisherige Projektmanagement in der Automobilindustrie erwiesen. Allerdings verlangte es von der Führung die Bereitschaft, die kreative Verantwortung von oben nach unten zu verlagern.

Kanban

Kanban zielt darauf ab, bestehende Prozesse in kleinen Schritten zu verbessern. Es wird also nicht alles auf einmal optimiert, wodurch es häufig zu Reibungsverlusten kommt. Stattdessen wird Stück für Stück gearbeitet. In der Automobilindustrie greift Kanban beispielsweise insbesondere beim Materialverbrauch in den Fabriken: Es wird sich wesentlich stärker am tatsächlichen Verbrauch orientiert. Ziel ist es, die Wertschöpfungskette effizienter zu gestalten.

Beide agile Projektmanagement Methoden greifen ineinander. Scrum kommt vorwiegend bei der Entwicklung zum Einsatz. Kanban dient der Umsetzung.

Weshalb funktionieren agile Methoden in Teilen der Industrie noch immer nicht?

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch: Teile der Industrie haben die agilen Methoden nur wegen des seit 2017 um sie ausgebrochenen Hypes eingeführt – und eine Enttäuschung erlebt. Obwohl jeder Einzelfall betrachtet werden muss, hat sich jedoch ein genereller Grund für das Scheitern herauskristallisiert: Die agilen Methoden, insbesondere Scrum, lassen sich nicht auf Befehl einführen, denn dann geschieht es häufig nur halbherzig. Diese Methoden verlangen aber nach einem tiefgreifenden kulturellen Wandel. Sie müssen zudem dauerhaft eingeführt werden – auch wenn sie sich durchaus als Notbehelf eignen, um beispielsweise nach dem Durchstehen der Krisen wieder zu den alten Methoden zurückzukehren.

Fazit: Mut wird belohnt

Das Beispiel der Einführung der agilen Methoden in der Autoindustrie gestattet einige Lehren. Erstens: Eine methodische Revolution in der Branche war überfällig. Die Einführung in kürzester Zeit im Angesicht der Krisen zeigt, dass man sich dessen in den Unternehmen eigentlich durchaus bewusst war. Es brauchte aber allem Anschein nach den Druck von außen. Zweitens: Agile Projektmanagement Methoden sind krisenresistenter als starre. Und drittens: Der Mut zur Einführung entsprechender Methoden wird daher belohnt –
wenn es richtig gemacht wird.

Fotoquelle Titelbild: © RossHelen/shutterstock.com

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