Automobilindustrie © Gorodenkoff/Shutterstock.com

Aktuelle Herausforderungen in der Automobilindustrie

Die Automobilindustrie unterliegt einem disruptiven Wandel, der in immer rasanterem Tempo vor sich geht. Einerseits sind die Automobile selbst dabei, sich von konventionellen Fahrzeugen zu mobilen Datencentern zu entwickeln. Andererseits bewirkt die Digitalisierung der Mobilität, dass die Autohersteller zu direkten IT-Konkurrenten werden, ebenso jedoch Kooperationsbeziehungen zu den Hightechfirmen benötigen.

Herausforderungen in der Automobilindustrie: Innovationen und neue Geschäftsmodelle

Im Juni 2017 hat die Unternehmensberatung Oliver Wyman ihren „Automotive Manager 2017“ publiziert. [http://www.oliverwyman.de/content/dam/oliver-wyman/v2/publications/2017/jun/OliverWyman_AutomotiveManager2017_web.pdf]. Die Studie beschäftigt sich ausführlich mit den neuen Trends innerhalb der Branche. Die Unternehmensberater identifizieren insbesondere vier Bereiche, in denen die aktuellen Herausforderungen in der Branche angesiedelt sind: E-Mobilität, Fahrerassistenzsysteme und autonomes Fahren, Big Data sowie den Kampf um Innovationen und Patente. Hinzu kommt, dass die etablierten Autobauer längst nicht mehr nur untereinander konkurrieren.

Beispielsweise sind mehrere chinesische Hersteller dabei, sich mit ihren Fahrzeugen auf dem globalen Markt als feste Größe zu etablieren. IT-Giganten wie Apple, Google oder Amazon arbeiten an eigenen Mobilitätskonzepten. Gleichzeitig nimmt vor allem im urbanen Raum das Interesse vieler potenzieller Kunden an einem privaten Auto ab. Die zentralen Herausforderungen an die Automobilindustrie lassen sich so zusammenfassen, dass die Branche in weiten Teilen neue Geschäftsmodelle braucht. Hierfür muss sie noch stärker als bisher in Innovationen investieren und über Branchengrenzen hinweg neue Allianzen schmieden.

August Joas, Partner und Leiter der Automotive-Sparte bei Oliver Wyman, bezeichnet die aktuellen Entwicklungen als die seit Jahrzehnten spannendste Zeit für die gesamte Branche. Über den Erfolg und möglicherweise auch das wirtschaftliche Überleben vieler Unternehmen in der Automobilindustrie wird jedoch die Tatsache entscheiden, ob und wie sie in der Lage sind, diese Herausforderungen zu meistern. [https://www.tagesspiegel.de/advertorials/ots/oliver-wyman-vier-schluesseltrends-fuer-die-zukunft-der-automobilindustrie-automotive-manager-2017-von-oliver-wyman-analysiert-herausforderungen-und-chancen-fuer-automobilunternehmen/19955662.html]

Herausforderung E-Mobilität

Das Thema E-Mobilität wurde in den letzten Jahren nicht nur in der Automobilindustrie selbst auf intensive und zum Teil auch kontroverse Weise diskutiert. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern befindet sich Deutschland in diesem Bereich klar im Rückstand. Problematisch für die deutschen Autobauer könnten künftig weniger technische Innovationen, sondern vor allem die regulatorischen Vorgaben in den verschiedenen Märkten werden. Beispielsweise treiben Norwegen, aber auch China durch staatliche Anreizsysteme die Durchsetzung der Elektromobilität als allgemeinen Standard deutlich schneller voran als hierzulande. Trotzdem sind konkrete Prognosen für die globale Marktentwicklung bisher schwierig.

Für die Automobilbranche ergeben sich hierdurch Herausforderungen im Hinblick auf ihre Innovationsplanung und ihre Strategieentwicklung. Zum einen müssen sie vorerst ihren Erfolg in einem Marktumfeld sichern, das in Deutschland und Europa noch weitgehend durch den klassischen Verbrennungsmotor geprägt ist. Zum anderen müssen sie für den flächendeckenden Übergang zur Elektromobilität und auch auf entsprechende Gesetze vorbereitet sein. Dieses zweigleisige Modell schließt die Notwendigkeit für neue Kooperationen zwischen den Herstellern, aber auch mit branchenfremden Partnern ein.

Im Übrigen ist durchaus noch nicht ausgemacht, ob das Elektroauto wirklich die ultimative Lösung für alle Umweltprobleme ist, die mit der individuellen Mobilität verbunden sind. Eine klimaneutrale Stromerzeugung ist zumindest aus der heutigen Perspektive noch nicht möglich. Auch die technischen Möglichkeiten für das Batterierecycling lassen aktuell noch zu wünschen übrig. Forschung und Entwicklung in der Automobilindustrie fokussieren sich daher mit gutem Grund nicht ausschließlich auf das E-Car, sondern behalten auch andere alternative Antriebslösungen im Blick.

Herausforderung „autonomes Fahren“

Wann auch auf europäischen Straßen die ersten völlig autonom agierenden Fahrzeuge unterwegs sein werden, ist heute noch nicht völlig abzusehen. Jedoch gehen die Automotive-Experten von Oliver Wyman davon aus, dass bis 2030 mindestens die Hälfte aller Autos mit fortschrittlichen Assistenzsystemen ausgestattet sein wird. Schon heute erwarten viele Kunden zumindest im Premium-Segment, zunehmend aber auch in der Mittelklasse solche Standards. Je leistungsfähiger die Fahrassistenzsysteme werden, desto komplexer und damit störanfälliger sind sie allerdings. Auf diese Herausforderungen müssen die Autohersteller mit technologischen Innovationen, aber auch mit einem daran angepassten Qualitätsmanagement reagieren.

Herausforderung Big Data und vernetztes Fahren

Durch die Digitalisierung der Verkehrsinfrastruktur und ihre Vernetzung mit den Fahrzeugen sowie durch die Vernetzung der Autos untereinander kann der Straßenverkehr in Zukunft deutlich sicherer und effizienter werden als bisher. Hierfür sind allerdings die permanente Übermittlung und Analyse großer Datenmengen nötig. Zu den Herausforderungen an die Automobilindustrie gehört, dass sich die Hersteller künftig auch dem Thema Big Data widmen müssen. Für die Autohersteller können hieraus neue Geschäftsmodelle und Einnahmemöglichkeiten resultieren, wenn sie es schaffen, sich in diesem Arbeitsfeld zu etablieren. Die Konkurrenz aus der IT-Branche und hier insbesondere von jungen, innovativen Start-ups ist in diesem Bereich jedoch besonders groß. Eine aktuelle Frage ist beispielsweise auch, welche Rolle künftig dezentrale Blockchain-Technologien für die Organisation der Datenmengen und die Kommunikation der vernetzen Autos spielen. Die Autohersteller werden diese Herausforderungen auf lange Sicht nur bewältigen, wenn sie mit ihren Innovationen die Grenzen des eigenen Branchenwissens überschreiten.

Herausforderung Innovationen und Patente

Wie sich die Wettbewerbsbedingungen für die Automobilindustrie in den letzten Jahren verändert haben, verdeutlicht ein simples Zahlenbeispiel. Allein im Bereich des autonomen Fahrens wurden zwischen 2012 und 2016 rund 1.200 technologische Innovationen patentiert. Den Spitzenplatz belegt hier Audi, das Unternehmen hält insgesamt 223 Patente. Auf dem zweiten Rang folgt mit 221 Patenten Google. Zu den Innovatoren im Bereich der Mobilität gehören mit Apple, Microsoft, Amazon, Uber und Facebook auch andere globale Hightech-Player. Möglicherweise bestehen die wichtigsten Herausforderungen für die Automobilindustrie darin, ihre Innovationsfähigkeit nicht an diese Konkurrenten zu verlieren.

Herausforderung Neue Mobilitätskonzepte

Letztlich ist das Automobil dabei, sich als Kern eines digitalen Ökosystems zu etablieren, woraus eine Vielzahl neuer Konzepte, Leistungen und Dienste resultiert. Vor allem in den Städten gibt es wachsenden Bedarf an neuen Mobilitätskonzepten wie Carsharing- oder Ridesharing-Modellen, worauf unter anderem der Erfolg der (in Deutschland inzwischen verbotenen) Taxi-App Uber basiert. VW gab im Sommer 2016 bekannt, dass der Konzern einige Hundert Millionen US-Dollar in eine Kooperation mit dem israelischen Start-up Gett investieren will. Das Gett-System funktioniert ähnlich wie Uber und lässt sich sowohl auf Desktops als auch auf dem Smartphone nutzen. Toyota zog seinerzeit innerhalb von Stunden nach und ließ die Branche wissen, dass das Unternehmen plane, zusammen mit Uber ein neues Leasingmodell zu entwickeln. [https://www.automobil-produktion.de/webtipps/aktuelle-herausforderungen-der-automobilindustrie-125.html] BMW und Daimler haben in vielen deutschen und europäischen Städten mit Car2Go und DriveNow bereits ihre eigenen alternativen Mobilitätskonzepte realisiert.

Was muss die Automobilindustrie für die Bewältigung dieser Herausforderungen tun?

Auf diese Frage gibt es keine eindimensionale Antwort. Es reicht dafür jedenfalls nicht aus, möglichst viele Innovationsprojekte zu kreieren und ausschließlich auf Technik und den anvisierten Markterfolg zu setzen. Vielmehr müssen die Unternehmen auch ihre Organisationsstrukturen und ihre Kultur verändern. Es geht darum, jeden einzelnen Mitarbeiter dafür zu motivieren, den Wandel und die mit ihm verbundenen Herausforderungen aktiv mitzutragen und ihm das dafür erforderliche Rüstzeug an die Hand zu geben.

Einerseits praktiziert die Automobilindustrie in Deutschland und in globalem Maßstab seit Jahrzehnten aktives Change Management. Viele agile Produktions- und Kooperationsmethoden haben ihre Wurzeln nicht nur im IT-Umfeld, vielmehr wurden sie mindestens ebenso intensiv in der Automobilbranche entwickelt. Trotz aller Innovationsfreude überdauern jedoch auch in diesen Unternehmen traditionelle Hierarchien und Organisationsmodelle. Eine umfassend kreative Atmosphäre kann in diesem Rahmen nicht immer entstehen. Andererseits sind die Autobauer gerade darauf – auf die Kreativität und die Innovationskraft ihrer Mitarbeiter – angewiesen. Die wichtigsten Vorrausetzungen dafür sind Kommunikation und ein positiver Konsens, der zwischen der Unternehmensleitung und den Mitarbeitern dynamisch und auf einer positiven Basis ausgehandelt wird. Hier ist unter anderem Differenzierung wichtig.

Die Organisationsentwicklung muss kreative Räume für Wissensarbeit schaffen

Peter Aumüller, Senior Consultant bei be partner, beschreibt in einem Interview einen wichtigen Komplex innerhalb der Herausforderungen für die Automobilindustrie so, dass wirkungsvolle Organisationsentwicklung bei der Individualität der Mitarbeiter – also ihren konkreten Fähigkeiten, Ansprüchen und Bedürfnissen – anzusetzen hat. Anders als in der klassischen Industriegesellschaft ist eine produktive Integration von kognitiv geprägter Wissensarbeit in die Strategie von Unternehmen nur auf dieser Basis möglich. Hier – im Übergang von körperlich schwerer Arbeit zur Wissensarbeit – liegt eine der wichtigsten Veränderungen der Arbeitswelt in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Die Organisationsentwicklung muss auf diesen Wandel reagieren und kreative Räume für kognitive Tätigkeiten schaffen.

Allerdings sind auch in Organisationen unterschiedliche Bewusstseinsebenen anzutreffen. Dies gilt für die Gesamtorganisation, die immer auf einer bestimmten Kultur aufbaut, ebenso wie für einzelne Abteilungen oder Personen. Herausforderungen ergeben sich daher auch daraus, dass es nötig ist, Interessenkonflikte aufzulösen. Beispielsweise haben auch traditionelle Arbeitsformen bzw. der Wunsch danach in manchen Bereichen einer Organisation noch ihre Berechtigung und wirken als produktive Komponente. In der Automobilindustrie kommt es ebenso wie in anderen Unternehmen darauf an, dass die Organisation in der Lage ist, ihre vorhandenen Potenziale zu bündeln und hierdurch mehr Effektivität und Innovationskraft zu erreichen. Die Aufgabe der Organisationsentwicklung besteht darin, dieses Ziel in die Praxis umzusetzen. Auch Organisationsentwickler benötigen dafür übrigens innovative Methoden und unkonventionelles Denken.

Fotoquelle Titelbild: © Shutterstock/Gorodenkoff

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