Kostenplanung in der Automobilindustrie © Fotolia/photobuay

Kostenplanung in der Automobilindustrie – herausfordernd und chancenreich zugleich

In kaum einer Branche kommt dem Kostenmanagement und speziell der Kostenplanung eine so wichtige Rolle zu wie in der Automobilindustrie. Im Folgenden werden die Besonderheiten der Automobilindustrie bei der Kostenplanung mit Fokus auf die Kostenzielermittlung dargestellt. Dabei geht es nicht nur um die Probleme, sondern auch die Möglichkeiten eines zielführenden Kostenmanagements im Einklang mit technischen Vorgaben in diesem wettbewerbsintensiven Marktsegment.

Kostenmanagement in der Automobilindustrie und ihre Rahmenbedingungen

Der harte Verdrängungswettbewerb und der Innovationsdruck machen den Kostenfaktor in der Automobilindustrie zu einem entscheidenden Faktor, der über Erfolg und Misserfolg eines Modells entscheiden kann. Manche Autoren beklagen in diesem Zusammenhang eine häufig stattfindende regelrechte “Kostenexplosion” während der Planungsphase durch Fehler bei der Kostenplanung. In einem anderen Beitrag haben wir uns bereits mit diesem Thema der Kostenexplosion beschäftigt.

Dabei wird davon ausgegangen, dass die allgemeinen Gesichtspunkte einer strukturierten Projektplanung bei der Kostenplanung eingehalten werden und die typischen Fehler, wie sie in dem vorhergehenden Beitrag zur Explosion der Kosten dargestellt wurden, nicht gemacht werden. Dennoch weist die Automobilindustrie Bedingungen auf, die ein erfolgreiches Kostenmanagement manchmal auch bei besten Absichten und Kenntnissen fast unmöglich zu machen scheinen. Dabei kommt der Kostenzielermittlung eine ganz besondere Bedeutung zu:

Cross Company Planning

Die Herstellung von Autos ist regemäßig auch ein “Gemeinschaftsunternehmen”, ein “Cross-Company-Planning” zwischen dem eigentlichen Autohersteller und seinen Zulieferern. Gerade letztere spielen in dem Planungsprozess speziell bei der Kostenzielermittlung eine nicht unerhebliche Rolle. Regelmäßig muss die Kostenzielfestsetzung deshalb iterativ mit der Gegenüberstellung der Bottum-up-Planung des Zulieferers und der Top-down-Planung des Herstellers erfolgen.

Der “Cross-Company” Gedanke spielt auch bei sogenannten Entwicklungspartnerschaften eine Rolle. Hier ist kostenmäßig das Spannungsverhältnis zwischen Stabilität und Flexibilität in den Zuliefererbeziehungen interessant. Eine sehr stabile Partnerschaft kann sich kostenmäßig bei der Kostenzielermittlung negativ auswirken, aber insgesamt einen Wettbewerbsvorteil darstellen, weil so ein hoher technischer Standard erreicht werden kann.

Während dabei die Kostenzielermittlung eine gemeinschaftliche zwischen Hersteller und Zulieferer ist, erfolgt die exakte Kostenplanung dann beim Hersteller individuell.

Methoden der individuellen Kostenzielermittlung und die besonderen Probleme

Eine sorgfältige Target-Costing Ermittlung beim Hersteller umfasst Marktanalysen, Erfahrungswerte und einiges mehr, um die “allowable costs” hinsichtlich der Zuliefererleistungen und insgesamt zu ermitteln.

Die mögliche Schwäche in der gesamten Kostenzielplanung ist dabei, dass bei der Zielermittlung vielfach mit Schätz- und Erfahrungswerten gearbeitet werden muss. Da während der Kostenermittlung häufig wesentliche Teile der zu erstellenden Produkte erst in Teilen bekannt sind (Design und anderes) verbleibt ein Unsicherheitsfaktor. Hierauf wurde bereits in dem Blogbeitrag zu den wichtigsten Gründen für eine Kostenexplosion hingewiesen. Ein starker Wettbewerbsdruck erzeugt auch häufig das Bedürfnis, quasi in letzter Minute Veränderungen am Produkt vorzunehmen, die sich kostensteigernd auswirken können. Der Unsicherheitsfaktor in der Gesamtplanung wird umso größer, je starrer die technischen Vorgaben des zu fertigenden Modells sind.

  • Kostensteigernd wirkt sich häufig auch ein auf immer kürzere Abstände bezogener allgemeiner Innovationsdruck sowie ein Trend zur Individualisierung der Modelle für den einzelnen Kunden aus. Diese Tendenzen erschweren es, ein verbindliches Kostenmodell zu entwickeln, dass auch in der Durchführungsphase der Produktion seine Gültigkeit nicht verliert. Dies gilt ebenso wie beim vorherigen Gesichtspunkt besonders dann, wenn die technischen Zielwerte wenig flexibel sind.

Lösungsansätze für eine valide Kostenzielermittlung

Zunächst muss nach Ansicht der meisten Experten für das Kostenmanagement in der Autoindustrie Klarheit über folgende Tatsachen bestehen: Kostenzielermittlung in der Automobilindustrie ist eine Komplexitätsplanung aus verschiedensten Teilzielen und muss Veränderungsfaktoren sowie besonders Zielkonflikte bereits in der Planung erfassen. Letztere sollten dabei möglichst schon bei der Planung erledigt werden.

Vor dem Hintergrund einer mit einem bestimmten Wert angenommenen Gesamtkostenrechnung, erfolgt die endgültige Zielermittlung idealerweise vor allem komponentenbezogen. Das technische Gesamtkonzept – die Herstellung des Modells – wird dabei in einzelne technische Komponenten aufgespalten. Zielkonflikte zwischen Kostenvorgaben und technische Vorgaben ergeben sich beispielsweise dann, wenn eine einzelne, unverzichtbare technische Komponente nur zu einem Preis realisiert oder erworben werden kann, der über den ausgerechneten “allowed costs” liegt. Die Auflösung dieser Zielkonflikte in der Gesamtplanung wird erstes Ziel der Zielkostenermittlung. Dabei können Zielkonflikte bei einzelnen Komponenten umso einfacher aufgelöst werden, je größer und variationsreicher die Bandbreite der technischen und inhaltlichen Umsetzung einzelner Komponenten ist.

Beispiel:

Hersteller A hat für sein Modell ganz spezifische technische Zielvorgaben der Leistung im Motorenbereich gemacht, die sich nur ein vom Zulieferer X zu lieferndes Teil erreichen lassen.

Hersteller B bezieht in seine Modellplanung im Motorenbereich Leistung eine ganze Bandbreite verschiedener technischer Zielvorgaben ein. Das entscheidende Bauteil kann von mehreren Zulieferern erworben werden, die verschiedene Preise veranschlagen.

Hersteller B ist bei seinem Kostenmanagement und der Kostenplanung mit der Kostenzielermittlung im Vorteil, weil er Kostenkonflikte durch Variation seiner technischen Zielvorgaben und Lieferbeziehungen ausräumen kann.

Hersteller A kann mit seiner Festlegung schnell in eine Sackgasse geraten und den Zielkonflikt nicht auflösen, wenn der Zulieferer X seinen allowed-costs-Faktor überschreitet. Alternativen hat er keine, weil seine technischen Vorgaben nicht variabel sind und er nur auf den einen Zulieferer zurückgreifen kann.

Fazit: Der technisch flexible Hersteller hat (auch) in der Kostenplanung die Nase vorn

Flexibilität im technischen Bereich ist einer der Schlüssel zu einer guten Kostenplanung im Bereich Kostenzielermittlung. Gerade unter dem Gesichtspunkt, dass zu Beginn einer Projektplanung im Automobilbereich bei der Festsetzung des Kostenziels noch Unklarheiten über manche Details in Design und Gestaltung herrschen, ist der innovative Autohersteller seinen weniger beweglichen Wettbewerbern voraus. Er kann am Ende verschiedene technische Variationen mit unterschiedlichen Kostenbelastungen und kann im Verlauf der Planung auftretende Ziel- und Kostenkonflikte zu seinen Gunsten auflösen. So wird eine nicht erwartete Erhöhung der Kosten vermieden. Dabei ist diese Flexibilität ein zweischneidiges Schwert. Sie kann auch auf Abwege führen, wie der Diesel-Skandal bei Volkswagen deutlich gemacht hat. Flexibilität bleibt sowohl bei der technischen Machbarkeit, als auch bei der Gestaltung der Zulieferbeziehungen eine Gratwanderung, ohne die aber ein erfolgreiches Kostenmanagement nicht denkbar ist. Sie ist Chance und Versuchung zugleich.

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