Automobilindustrie stellt besondere Herausforderungen an das Projektmanagement © Fotolia/MK-Photo

Automobilindustrie stellt besondere Herausforderungen an das Projektmanagement

Die grundlegenden Gesetze des Projektmanagements gelten in der Automobilindustrie genauso wie in jeder anderen Branche. Allerdings erfordern Projekte in diesem Bereich, unabhängig ob Hersteller oder Zulieferer, ein generelles Umdenken bezüglich der Zusammensetzung der am Projekt beteiligten Partner und damit einhergehende unternehmensübergreifende Standardisierungsmaßnahmen.

Hohe Anforderungen an Projektmanagement der Automobilindustrie

Ein Trend in der Automobilindustrie ist das Zurückholen zuvor ausgelagerter Entwicklungsaufgaben in das eigene Unternehmen. Vor allem die technische Entwicklung von Elektronik oder Getriebesteuerungen oder umweltfreundlichen Technologien erfolgt immer häufiger direkt beim Hersteller der Fahrzeuge. Andererseits erfordert die expansive Modellpolitik wiederum die Auslagerung bestimmter Aufgaben oder zumindest die externe Unterstützung in den verschiedensten Segmenten. Denn nur auf diese Weise können die Automobilhersteller ein möglichst breites Spektrum an Kundenbedürfnissen abdecken. Dabei spielen die Zulieferer eine wesentliche Rolle, indem sie in die Entwicklung und Fertigung von Fahrzeugteilen, Modulen oder Systemen bis hin zu kompletten Fahrzeugen in den Prozess eingebunden sind. Daraus resultiert eine gänzlich neue Form der Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Zulieferern. Denn nahmen die Zulieferer früher die Position unabhängiger Lieferanten ein, sind sie heute strategische Partner mit der zukünftigen Option auf untereinander vernetzte Unternehmen. Damit erhöhen sich die Anforderungen an das Projektmanagement in der Automobilindustrie.

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Vom magischen Dreieck des Projektmanagements zum teuflischen Dreieck

Jeder Projektmanager kennt das magische Dreieck des Projektmanagements. Die drei Elemente QualitätKostenTermine standen dabei im Fokus eines Projekts. Heute stehen immer geringere Budgets zur Verfügung, mit denen bei einem signifikant verkürzten Zeitrahmen bis zum Stichtag “Time to market” immer hochwertige Fahrzeuge entwickelt, realisiert und auf dem Markt eingeführt werden sollen. Das teuflische Dreieck gibt vor, ein vorgegebenes Ziel mit möglichst geringem Zeitaufwand, niedrig gehaltenen Kosten und einem Minimum an Qualitätsmängeln zu erreichen. Für die Produktentwicklung in der Automobilindustrie eine Herausforderung, die Prozesse bezüglich Effektivität und Effizienz zu steigern. Dabei nimmt das Projektmanagement eine Schlüsselposition ein.

Projektmanagement als Schlüsseldisziplin

Interessant sind die Ergebnisse einer Gemeinschaftsstudie (Automobilentwicklung in Deutschland – sicher in die Zukunft?), durchgeführt von Promind und dem Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, die zu dem Ergebnis kam, dass Fahrzeugentwicklungsprojekte eine Effizienzsteigerung von 30 Prozent aufweisen. Das Fazit war mangelnde Professionalität und ein viel zu geringer Stellenwert der Schlüsseldisziplin Projektmanagement. Grundsätzliche Voraussetzungen wurden nicht erfüllt.

  • Projektorientierte Kultur im Unternehmen
  • Balance des Projektmanagements war zur Linienorganisation nicht ausgewogen.
  • Position der Projektleiter wurde als zu schwach empfunden.
  • Es gab keine standardisierten Vorgehensweisen von der Definition bis zum Abschluss eines Projektes.

Diese Punkte wirken sich auf die Effizienz des Projektmanagements negativ aus und haben fatale Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit der Automobilindustrie. Besonders problematisch sind die unterschiedlichen Sichtweisen der Projektbeteiligung bezüglich der Zieldefinition bis weit nach dem Projektstart hinaus. Sie behindern das Projekt an sich und die Zusammenarbeit im Allgemeinen.

Wesentliche Anforderungen auf einen Blick

Da Projektmanagement in der Automobilindustrie in allen Fällen bereichsübergreifend und in vielen Projekten unternehmensübergreifend erfolgt, gibt es wesentliche Anforderungen, die erfüllt werden müssen.

  • Stellenwert des Projektmanagements im Unternehmen ist hoch.
  • Es ist als zentrale Funktion in der Unternehmensorganisation verankert.
  • Standardisierung des Projektmanagements.
  • Partner wie Entwicklungsdienstleister oder Systemlieferanten müssen in einer sehr frühen Phase des Projektbeginns einbezogen werden.
  • Jedes Projekt startet mit klar definierten Zielen und einem eindeutig formulierten Lastenheft.
  • Projektplanung zwischen den Entwicklungspartnern muss sehr früh abgestimmt werden.
  • Verbindliche Definition aller Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Kompetenzen bereits zum Projektstart.
  • Meilensteine und klar definierte Arbeitspaketbeschreibungen stellen klare Messgrößen dar.
  • Change Board einrichten – es bearbeitet Änderungen und deren Auswirkungen auf das Gesamtprojekt.
  • Änderungen müssen so zeitnah wie möglich kommuniziert werden.

Systematisches Änderungsmanagement als integraler Bestandteil

Ein unverzichtbarer Bestandteil des Projektmanagements ist das Änderungsmanagement. Vor allem in der Automobilindustrie trägt es durch eine frühzeitige Kommunikation von Änderungen und deren mögliche oder tatsächliche Auswirkungen auf Teile des Projektes maßgeblich zur Effizienz bei und reduziert zeitgleich den Kosten- und Zeitaufwand.

Soll beispielsweise ein Fahrzeug eine zusätzliche elektronisch basierende Funktionalität erhalten, muss dies zu einem frühestmöglichen Zeitpunkt kommuniziert werden. Nur so erhalten die Entwickler die Chance, diesen Zusatznutzen bereits zu Beginn ihrer Tätigkeit zu berücksichtigen und über die Auswirkungen in den folgenden Projektschritten zu informieren.

Aufgrund der Komplexität der Projekte in der Automobilindustrie ist es unverzichtbar, dass es sich beim Änderungsmanagement um ein standardisiertes und IT-gestütztes Verfahren handelt. Ein ebenfalls wichtiger Punkt ist, dass ein Change-Board immer interdisziplinär besetzt ist und sich dadurch mehrere Teilnehmer verschiedenster Fachrichtungen mit Änderungen auseinandersetzen und diese einschließlich ihrer Auswirkungen auf das Gesamtprojekt kommunizieren.

Projektarbeit als unternehmensübergreifende Kooperation

Obwohl es in der Automobilindustrie zweifelsfrei noch rein interne Projekte gibt, findet die überwiegende Zahl der Projektarbeiten in einem unternehmensübergreifenden Rahmen statt. Immer mehr Wertschöpfungsanteile verlagern die Automobilhersteller in Richtung Zulieferer, um die eigenen Kapazitäten für die der Produktion nachgelagerten Aktivitäten zu erhöhen. Daraus resultiert eine sehr enge Zusammenarbeit in Netzwerken mit den beteiligten Unternehmen und deren Mitarbeitern. Die Folge ist der Zusammenschluss verschiedener Unternehmen aufgrund ihrer Kernkompetenzen in sogenannte “Best-in-Class-Communities” mit projektbezogener Organisation.

Dies bedeutet für die einzelnen Unternehmen und deren Mitarbeiter kontinuierliche Projektarbeit mit wechselnden Rollen und Aufgaben. Hersteller und Zulieferer sind Kooperationspartner und arbeiten gemeinsam an einem Ziel. Das interdisziplinäre Umfeld dieser “Best-in-Class-Communities” erfordert kontinuierliches Lernen und einen offenen Wissensaustausch. Dies ist die Idealvorstellung zum kooperativen und erfolgreichen Projektmanagement in der Automobilindustrie.

Bedauerlicherweise kommt die Fachgruppe “Automotive Projektmanagement” der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement e.V. in einer mit der Universität Augsburg (Prof. Dr. Fritz Böhle) durchgeführten Untersuchung (Cross Company Collaboration Projektmanagement) zu einem anderen und vor allem ernüchternden Ergebnis. Die eindeutige Klärung der Projektziele lässt genauso stark zu wünschen über wie die Definition der kulturellen Rahmenbedingungen. Dazu zählt das mangelnde Vertrauen zwischen Herstellern und Zulieferern gleichermaßen wie die situationsbedingt ungleichen Machtverhältnisse, die den Zulieferern Angst macht. Aber auch der wenig konstruktive Umgang der Hersteller mit Fehlern des Zulieferers stellt ein Problem dar und weist auf eine zu wenig positiv gestaltete Zusammenarbeit hin, da die Partner-Sicht fehlt.

Erfolgsfaktoren für das Projektmanagement in der Automobilindustrie

Für das erfolgreiche Projektmanagement in Automotive sind spezielle Maßnahmen erforderlich. Die Definition des Management-Vordenkers Peter F. Drucker “structure follows process follows strategy” ist diesbezüglich ein wichtiger Orientierungspunkt. So orientieren sich die wertschöpfenden Prozesse an der Unternehmensstrategie und bilden gleichzeitig die Basis für die organisatorischen Strukturen. Ergänzt mit dem weichen Aspekt “Kultur” bildet diese Denkweise die Grundlage für ein effektives und effizientes Projektmanagement im Unternehmen. Vorausgesetzt, es sind folgende Schlüsselbedingungen erfüllt.

  • Konzentration auf den tatsächlichen Kundennutzen.
  • Koordination und Integration von Prozessen und Strukturen unter Berücksichtigung des Kundennutzens unter vorheriger Abstimmung und Kombination aller wichtigen Prozesse aller am Projekt beteiligten Partner der gesamten Wertschöpfungskette.
  • Das Projektmanagement als zentraler Koordinator ist mit ausreichend Kompetenzen ausgestattet.
  • Im Sinne einer optimalen Kooperation und Interaktion ist eine Kultur des Vertrauens unverzichtbar.
  • Direkte und persönliche Kommunikation in Form des offenen Austauschs ist ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg und ist die zentrale Drehscheibe in jedem Projekt.

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