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So optimieren Sie das Reifegradmanagement in der Automobilbranche

Viele Projektmitarbeiter in der Automobilbranche stehen vor enormen Herausforderungen. Insbesondere das Reifegradmanagement ist in der vergangenen Zeit zu einer Aufgabe geworden, die immer schwieriger wird, wie die Entwicklungen der vergangenen Jahre belegen.

Allein im Referenzmarkt USA wurden 2015 nach Berechnungen des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch-Gladbach 45,8 Millionen Pkw wegen Sicherheitsproblemen zurückgerufen. Bezieht man 2014 in diese Rechnung mit ein, erhöht sich die Summe der Rückrufe im amerikanischen Markt sogar auf 108 Millionen Fahrzeuge. Damit wurde in zwei aufeinanderfolgenden Jahren ein neuer Negativ-Rekord aufgestellt.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung, und an welchen Stellschrauben können Projektmitarbeiter drehen, um ihr entgegenzuwirken? Auf Fragen wie diese wollen wir in diesem Beitrag Antworten finden.

Wer hat an der Uhr gedreht?

Grundsätzlich lassen sich drei Faktoren ausmachen, die für die steigenden Herausforderungen im Reifegradmanagement verantwortlich sind: eine immer komplexere Produktentwicklung, die steigende Anzahl der Projekte bei geringeren Zeitfenstern und  der immer größer werdende Kostendruck.

Lassen Sie uns diese drei Aspekte einmal näher beleuchten.

Die Tatsache, dass nicht nur die Bauteile, sondern auch Entwicklungsleistungen immer komplexer und umfangreicher werden, zwingt Automobilhersteller dazu, vermehrt auf werks- oder organisationsübergreifende Prozesse zu setzen und folglich auch immer mehr Entwicklungs-Knowhow in die Hände der Zulieferer abzugeben. Damit dieses Zusammenspiel funktionieren kann, müssen alle relevanten Schnittstellen perfekt ineinandergreifen, um das gemeinsame Ziel zu erreichen.

Keine einfache Aufgabe, zumal die Anzahl der zu bewältigenden Projekte tendenziell immer weiter steigt, während der Zeitrahmen, der Lieferanten und Herstellern zur Verfügung steht, um ihre Produkte zur Serienreife zu bringen, kontinuierlich abnimmt. Wurde früher etwa alle zehn Jahre ein neues Fahrzeugmodell zur Serienreife gebracht, hat sich diese Zeitspanne mittlerweile halbiert. Um wettbewerbsfähig bleiben zu können, müssen Automobilhersteller etwa alle fünf Jahre ein neues Modell vorstellen – und das vor dem Hintergrund eines enormen Preisdrucks. Dass dabei Abstriche gemacht werden müssen ist klar, doch häufig wird an der Qualität gespart, was das Reifegradmanagement vor enorme Probleme stellt und den eklatanten Anstieg der Rückrufaktionen erklärt.

An diesem Punkt sollte man sich bewusstmachen, dass besagte Rückrufe in der Regel nur die Spitze des Eisbergs sind. Bereits bevor es so weit kommt, werden Wartungstermine in den Vertragswerkstätten dazu genutzt, ein Fahrzeug nachträglich zu verbessern – und zwar ohne dass der Verbraucher es direkt mitbekommt. Und selbst wenn ein Fahrzeughalter direkt angeschrieben werden sollte, weil ein Bauteil ausgetauscht werden muss, sorgt das in der Regel noch nicht für schlechte PR, so lange nur wenige Fahrzeuge betroffen sind, der Qualitätsmangel nicht gefährlich ist und für den Kunden keine zusätzlichen Kosten anfallen.

Immer häufiger handelt es sich bei nachträglichen Verbesserungen allerdings nicht um Einzelfälle, denn aufgrund des gestiegenen Preisdrucks wird immer häufiger versucht, gleiche Bauteile in unterschiedlichen Modellvarianten zu verbauen. In der Regel handelt es sich dabei um Komponenten wie Schrauben oder andere Bauteile, die nicht direkt kundenerlebbar sind, aber dennoch zu gravierenden Mängeln am Fahrzeug führen können. Über den Einkauf einer größeren Stückzahl dieser Komponenten lassen sich die Produktionskosten deutlich senken, doch sind im Fall eines Reifegradproblems an einem dieser Bauteile natürlich auch deutlich mehr Fahrzeuge von Rückrufaktionen betroffen, für die dann der Lieferant – falls es sein Verschulden war – auch regresspflichtig ist.

Warum genaue Absprachen im Reifegradmanagement so wichtig sind.

Die eben beschriebene Verschiebung des Wertschöpfungsanteils in Richtung der Lieferanten ist in Kombination mit dem gestiegenen Preis- und Termindruck einer der wesentlichen Gründe dafür, dass zwischen allen beteiligen Projektmitarbeitern eine sehr enge Zusammenarbeit gewährleistet sein muss. Ohne genaue Absprachen und Arbeiten, die wie Zahnräder ineinandergreifen, sind hochwertige Fahrzeuge heute nicht mehr termingerecht zu produzieren.

Erschwert wird diese Aufgabe dadurch, dass die Absprachen nicht nur zwischen dem Hersteller und seinem Zulieferer erfolgen müssen, sondern dass in der Regel viele verschiedene Projektgruppen an der Fertigstellung eines Fahrzeugs beteiligt sind. In Zeiten des globalen Wettbewerbs haben Zulieferer Produktionsstandorte auf der ganzen Welt, das heißt, die Kommunikation wird immer aufwendiger und die Zusammenarbeit zwischen den interdisziplinären und interkulturellen Projektteams muss über geographische und kulturelle Grenzen sowie über verschiedene Zeitzonen hinweg funktionieren.

Insbesondere im Anlaufmanagement spielt dieser Umstand eine wesentliche Rolle, denn wenn sich das Projekt von der Entwicklungsphase in Richtung Serienphase entwickelt, spielen Stückzahlen eine enorme Rolle. Der Lieferant hat dann nicht nur dafür zu sorgen, dass ein Bauteil rechtzeitig fertig wird, sondern auch dafür, dass es entsprechenden Reifegrad vorweisen kann, und genau an diesem Punkt kommt es aufgrund mangelhafter Absprachen häufig zu Problemen wie kostenintensiven Blindleistungen oder Lieferengpässen.

In der Regel beginnt diese Phase mit der Erstellung von Datenmodellen, die das gewünschte Fahrzeugmodell 1:1 abbilden. Im Anschluss werden dann mit viel manueller Arbeit erste Prototypen gefertigt, um festzustellen, ob die Stücklisten stimmen, die verschiedenen Bauteile zusammenpassen und ob Planänderungen nötig sind. Ist das geschehen, werden erste Tests gemacht, um den Reifegrad der verschiedenen Bauteile zu bestimmen, bevor dann die nötigen Werkzeuge bestellt werden können, deren Beschaffung alleine bereit ein halbes Jahr in Anspruch nehmen kann.

Die Schwierigkeit an diesem Prozess: Nach der Bestellung dreht sich die Welt weiter, und weitere Tests ergeben möglicherweise neue Erkenntnisse, die offenlegen, dass bei der Werkzeugbeauftragung nicht an alles gedacht wurde. Vor dem Hintergrund der immer kürzeren Entwicklungszyklen und dem immer größeren Zeitdruck sind Fälle wie diese keine Seltenheit, und selbst wenn die Werkzeugbeauftragung passt, tauchen häufig zu einem späteren Zeitpunkt noch weitere Probleme und Änderungswünsche auf, die das Reifegradmanagement zu einer echten Herausforderung werden lassen. Zieht man an dieser Stelle in Betracht, dass an diesem Prozess sehr viele verschiedene Parteien involviert sind, wie etwa Einkäufer, Logistiker, Entwickler und Lieferanten, wird klar, wie wichtig eine stimmige Kommunikationsebene ist, denn nur wenn jede einzelne Partei ihre Aufgabe perfekt erfüllt, stimmt am Ende der Reifegrad.

Eine schöne Analogie zu diesem Thema ist die persönliche Urlaubsplanung, bei der sich jeder Mensch fragt: Mit wem fahre ich weg? Wohin fahren wir? Wann fahren wir? Und wie kommen wir an unser Ziel? Während Fragen wie diese im privaten Bereich ausgiebig geklärt werden, um Antworten zu finden, mit denen alle Beteiligten leben können, ist das im Reifegradmanagement häufig nicht der Fall. Anstatt klar zu kommunizieren, wer was wann und wie macht, sorgen mangelnde Ansprachen häufig für enorme Schwierigkeiten. Insbesondere die Schnittstellen zwischen dem Hersteller und seinen Lieferanten sollten in jedem Fall wie gut geölte Uhrwerke funktionieren, um den reibungslosen Daten- und Informationsaustausch in dieser hektischen Zeit, in der Fehler oder Blindleistungen enorm kostenintensiv sein können, zu gewährleisten.

Ein gelungenes Reifegradmanagement lebt von einer sauberen Kommunikation

Hersteller und Zulieferer, die vor dem Hintergrund der stetig wachsenden Herausforderungen eine reibungslose Zusammenarbeit gewährleisten möchten, sollten sich darum bemühen, ein solides Kommunikations- und Informationsmodell zu etablieren. Wer informiert wen wann über was? Wie sehen die einzelnen Prozessschritte aus? Was passiert im Fall späterer Änderungen? Und wer hat die in welchen Fällen das Sagen? Auf Fragen wie diese sollten Sie in jedem Fall verlässliche Antworten finden, um den Erfolg Ihres Projektes sicherzustellen.

Ist das nicht der Fall, kann es schnell passieren, dass Informationen nicht sauber kommuniziert werden und es in der Folge zu Terminschwierigkeiten beziehungsweise Reifegradproblemen kommt. Je besser die Kommunikation zwischen Ihnen und Ihrem Lieferanten, desto höher wird auch die Wahrscheinlichkeit, dass der gewünschte Reifegrad Ihres Produktes selbst unter Termin- und Kostendruck gewährleistet ist. Und eines ist klar: Je höher der Reifegrad, desto geringer ist auch das Risiko, dass es später zu kostenintensiven Rückrufaktionen kommt.

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